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"Anonyme Alkoholiker"
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"Anonyme Alkoholiker"
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| Anonyme Alkoholiker |
Der Autor Herbert Spranger, bisher in der Öffentlichkeit hervorgetreten durch Zeitungsartikel
über Umweltverschmutzung, möchte ein Buch schreiben, möglichst einen Bestseller mit aufklärerischem
Wert einschließlich medizinischer Tipps. Er kann sich schwer entscheiden - nehme ich für die Story
AIDS- oder krebskranke Personen. Er möchte ein Zeichen setzen, wusste er doch, dass der heutige Zeitgenosse
ziemlich unvorsichtig durchs Leben geht. Gemeint sind nicht nur ungeschützter Geschlechtsverkehr und das
Kettenrauchen. Die Gefahren in einer Großstadt lauern überall.
Der normale Bürger muss sich von Kriminellen verprügeln und ausrauben
lassen, er stürzt ohne Grund aus dem Fenster oder wird von einer Straßenbahn
überrollt. Der Autor gestand sich ein, dass er bei den handelnden Personen den relativ
schmerzfreien Weg wählen sollte, um dem Leser nicht zu viel Mitleid abzuverlangen.
Ihm fielen die anonymen Alkoholiker ein, die allerdings auch einem Stress ausgesetzt
sind, und es gelang ihm, mit einigen von ihnen bekannt zu werden und die Gespräche zu protokollieren.
Herr M, etwa 40 Jahre alt, erzählte ihm, dass er Alkohol trinkt, weil er
arbeitslos ist, seine zahlreichen Bewerbungen als kaufmännischer Angestellter haben nichts gebracht.
Er war mal verheiratet, aber das ist lange her. Zu seinem Sohn hat er keinerlei Beziehungen. Er geht zum
Club der anonymen Alkoholiker, weil er sich noch nicht verloren gibt und von den Scheißgetränken loskommen will.
Herr M sieht wenig Sinn in seinem Leben, obwohl er noch relativ jung ist. Ihn belasten nicht nur seine vom Staat geförderte Untätigkeit, sondern auch die abendlichen Nachrichten, er ist entsetzt über die Weltlage, über Kriege, Armut, vermüllte und von Kraftwerken verpestete Städte und Naturkatastrophen. Er sehnt sich nach einer friedlichen Welt, wie in seiner Kindheit, er wuchs auf dem Lande auf. Leider findet er durch sein isoliertes Leben keine Freunde und keine Freundin. Er ist sich nicht sicher, ob er schon an Depressionen leidet. In seiner Einsamkeit empfindet er Bier und Schnaps als Glücksbringer bis zum Schlafengehen.
Herr C, etwa 25 Jahre alt, erzählte, dass er gern Alkohol trinkt. Er teilt ihn pro Tag ein, hat sich also im Griff. Er gibt 30 Prozent seines Lohnes für harte Getränke aus. Als Fliesenleger verdient er nicht schlecht, hat aber auch materielle Wünsche, ein Motorrad. Montags trinkt er keinen Alkohol, und darauf ist er stolz. Eigentlich möchte er ganz darauf verzichten, aber es schmeckt ihm, und deshalb trinkt er weiter. Außerdem ist er Single, und er langweilt sich am Abend. Das Fernsehen vermag ihn trotz der Überzahl an Programmen nicht zu begeistern. Er weiß dann einfach nicht, was er sich ansehen soll. Eine gewisse Orientierungslosigkeit bestimmt sein Leben. Vielleicht liegt es daran, dass er schon mit fünf Jahren ein Waisenkind war. Ihm fehlte die Liebe in der Familie, aber er ging seinen beruflichen Weg. Im Club der anonymen Alkoholiker lernte er arme Schweine kennen, denen es viel schlechter geht, die sich nicht aus ihrer Sucht befreien können, und er denkt, er gehört zur besseren Sorte der Trinker.
Herr C versucht sich immer wieder zu aktivieren. Er möchte mal in ein Fitness Center gehen, aber er befürchtet, dass es ihm an Ausdauer fehlt, wenn er an den Geräten hängt. Er gibt zu, dass er einer gewissen Lethargie verfallen ist. Er denkt, dass auch die Gesellschaft mit ihren vielen Parteien und den unterschiedlichen politischen Zielen für seinen labilen Zustand verantwortlich ist.
Frau P, etwa 35 Jahre alt, erklärte, dass sie ab und zu Alkohol trinkt, manchmal mehr, manchmal weniger. Sie wäre auf einen attraktiven Mann hereingefallen, der nur auf ihre Kosten leben wollte, ihr Konto abräumte und kurz vor der Trennung Wohnungsgegenstände zertrümmerte, Lampen, Blumenständer und Regale. Sie hatte Angst vor seiner physischen Kraft und wollte keine Anzeige erstatten.
Hinzu kam ein Schicksalsschlag, der Frau P völlig aus dem Gleichgewicht warf. Ihre zwölfjährige Tochter verstarb bei einem Autounfall, die Ursachen wurden von der Polizei nicht richtig aufgeklärt, weil es sich um Fahrerflucht handelte. Der Schmerz von Frau P war sehr groß, und sie begann zu trinken, suchte im Alkohol Trost. Sie kam mit ihrem Leben ohne Tochter nicht zurecht, flüchtete sich in einen Konsumrausch. Sie baute sich eine Karriere als Kaufhausdiebin auf. Sie nähte eine große, unauffällige Tasche in den Mantel. Hier fanden Kleintextilien oder Parfüms ein sicheres Versteck. Trotzdem wurde sie mehrmals von Detektiven erwischt, und ein Gerichtsprozess steht ihr bevor.
Frau P war charakterlich zu schwach, sie nahm Kredite auf, die sie nicht zurückzahlen konnte. Der Alkohol am Abend ist ihr Trostspender, und sie kommt davon nicht los. Sie meint, sie trinkt zu Ehren ihrer toten Tochter, und im Rausch ist sie mit ihr vereint.
Herr Z, etwa 70 Jahre alt, erzählte, dass der Alkohol sein bester Freund ist, treu wie ein Hund zu jeder Tages- und Nachtzeit. Schließlich hat er als Rentner genügend Muße für sein Hobby. Wie ihm der Arzt mitteilte, ist seine Leber geschädigt, aber eine Krankheit hat schließlich jeder. Herr Z ist viele Jahre zur See gefahren und sah als Matrose viel von der Welt. Auf den Ozeanen fing es mit dem Alkohol an, wenn er jeden Tag auf dem Schiff nur Wasser und nochmals Wasser sah.
Heute trinkt er Alkohol nach dem Aufstehen und zum Frühstück. Dann erst wieder zum Mittagessen, nach dem Mittagsschlaf, danach allerdings bis kurz vor Mitternacht. Sein Tagesplan ist vom Alkohol bestimmt - Flaschen wegbringen, neue Vorräte anschaffen. Mit dem Geld kommt er aus, er hat kaum Appetit auf Fleisch, Käse oder Obst. Er lebt von Flüssigkeit, die der Körper braucht. Er hat den Eindruck, dass der Alkohol ihm nicht wesentlich schadet, denn er hat nie das Gefühl, betrunken zu sein. Er gibt zu, dass er in einer Sackgasse lebt, sieht aber keinen Ausweg bis er auf dem Friedhof landet.
Nachdem der Autor Herbert Spranger seine Notizen durchgesehen hatte, machte er sich an die Gliederung seines Buches, musste noch Fachliteratur lesen über die Alpha-, Beta-, Gamma-, Delta- und Epsilon-Trinker. Seine "Helden" oder "Patienten", wie er die Personen liebevoll nannte, hatten ihn, wie er jetzt erst feststellte, nichts über ihre Lieblingsgetränke mitgeteilt. Er ging in einen Supermarkt, um sich einen Überblick zu verschaffen - über Weine, Liköre, Boonekamp, Korn, Wodka, Whisky und weitere Sorten. Um bei der Vollendung seines literarischen Werks glaubwürdig zu erscheinen, kaufte sich der Autor, über dessen täglichen Alkoholkonsum nichts bekannt ist, eine Flasche Schnaps.
ENDE
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