Werner Pfelling
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Drei ausgewählte Artikel von Werner Pfelling


1. Gedenken an Helene Weigel

2. Reisenotizen aus England

3. Ein Interview mit Dean Reed



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Artikel von Werner Pfelling


Werner Pfelling in Junge Welt vom 11.05.1971 Ihr Spiel war weise und gütig

Zum Gedenken an Helene Weigel, verstorben im Alter von 71 Jahren, weltberühmte Schauspielerin, Leiterin des Berliner Ensembles


Helene Weigel hatte drei Monate Schauspielunterricht, spielte eine überschaubare Zahl von Rollen und erlangte Weltruhm. Sie spielte im bürgerlichen Theater, doch erst die Bekanntschaft mit Brecht, dessen Lebensgefährtin sie wurde, führte zu einer neuen darstellerischen Qualität, führte zu diesem Ruhm. 1932 spielte sie in Berlin „Die Mutter“ von Brecht/Gorki, und sie spielte sie bis zuletzt, noch vor wenigen Wochen beim Gastspiel des Berliner Ensembles in den Arbeitervororten von Paris. Brecht schrieb, daß die Arbeiter damals (und so war es jetzt in Paris) immer gestärkt für ihren Kampf aus den Aufführungen gingen, und er begründete das damit, daß „die Weigel ihnen ihre eigene Weisheit und ihre eigene Güte zeigt“.

Helene Weigele wurde die große Schauspielerin des Brecht-Theaters, weil sie ihre Kunst in den Dienst der Sache stellte. Und diese Sache hieß Kampf der Arbeiterklasse gegen die Ausbeuterordnung. Helene Weigel hat den Kampf als Künstlerin mitgekämpft, und sie hat mit ihrer Kunst auch den Sieg miterkämpft. Pelagea Wlassowa – das war die Mutter, die die rote Fahne übernimmt; und die Frau Flinz, in der Komödie von Baierl, das war die Mutter, die zum Arbeiter-und-Bauern-Staat findet. Und sie war vor allem die „Mutter Courage“ – Sinnbild für die revolutionierende Wirkung des Brecht-Theaters überhaupt.

Brecht schrieb: „Das Theater des neuen Zeitalters ward eröffnet, als auf der Bühne des zerstörten Berlin der Planwagen der Courage rollte.“ Das war am 11. Januar 1949. Spätestens seitdem weiß man, daß Theater im Dienst der Arbeiterklasse die Welt erklärbar machen und dazu aufrufen kann, sie menschlich einzurichten. Den Weltruf des Berliner Ensembles, das im gleichen Jahr – Kind unserer Republik – gegründet wurde, hat Helene Weigel entscheidend mitgeprägt. Ihre Mutter-Rollen spielte sie mit einer Schlichtheit, die verblüffte und zugleich sehr naheging. Wer sie gesehen hat, konnte sich um die Existenz des Klassenkampfes nicht herummogeln, wußte, wieso Kunst Waffe sein kann.

Helene Weigel leitete seit 1949 das Berliner Ensemble. Sie hat – nach Brechts Tod 1956 – vor allem seine Stücke inszenieren lassen. Man hat dazu anderer Meinung sein können, aber man muß anerkennen, daß damit das Lebenswerk Brechts weiter für das DDR-Theater erschlossen wurde. (Brecht und Weigel mußten während des Faschismus viele Jahre in der Emigration leben, Jahre ohne die Möglichkeit, Theater zu spielen.)

Man preist Helene Weigels Freundlichkeit und Güte. Mir fiel oft die Mädchenhaftigkeit im hohen Alter auf. Auf Matineen – sie rezitierte bekanntlich hervorragend – nahm sie freundlich den Applaus des Publikums entgegen, hängte dann ihre Handtasche über die Schulter und ging – ins Publikum lächelnd – stolz wie ein junges Mädchen von der Bühne ab. Es lag darin jedesmal so etwas wie die Genugtuung, daß das Theater des neuen Zeitalters große Fortschritte macht.

Helene Weigel ist tot, aber wie sie in der Kunst und für die Kunst gewirkt hat, ist bleibender Besitz des DDR-Theaters.




Werner Pfelling in Junge Welt vom 22.09.1978

London – Bristol und zurück Reisenotizen aus England - Schöne Wache der Königin


In England ist jetzt der Film „Jubiläum“ angelaufen. Wie die Zeitung „The Times“ schreibt, schildert er die „Vision eine künftigen Großbritanniens, wo Chaos und Verfall herrschen.“

Punk-Rocker haben den Buckinghampalast und die Westminsterkathedrale besetzt und feiern das mit den Worten: „Solange die Musik laut genug ist, werden wir nicht hören, wie die Welt auseinanderfällt.“

Wie ich mich überzeugen konnte, werden die Westminster Abbey und alle anderen Sehenswürdigkeiten Londons noch von normalen Leuten verwaltet. Es ist jedenfalls zu spüren, daß ganz andere die politische Macht in England haben als die Punk-Rocker oder sogar die Königin Elisabeth, die 1953 in jener Kathedrale gekrönt wurde und im Buckinghampalast zu Hause ist. Aber da sind wir schon bei dem Phänomen, auf das man in London gleich gestoßen wird. Denn es ist ja kurios, daß die Engländer, die im Konkurrenzkampf der westlichen Welt mithalten müssen, sich anscheinend zur Beruhigung des Gemüts nach wie vor ihre Königin leisten. Meine liebenswürdige Reisebegleiterin Miss Bedford faßte das für mich Verwirrende an ersten Eindrücken in den hilfreichen Satz: „In England ist alles Tradition.“ Und so fügte ich mich dem Eiltempo, das sie vorlegte, um mir einiges von London zu zeigen, wollte ich doch ihre tiefsinnige Deutung verstehen. Tatsächlich, die Hinterlassenschaften der englischen Geschichte sind noch zahlreich vorhanden. Landschaften, Bauwerke und Museen deuten auf sie hin.

Da wäre also die Westminsterabtei, Museum und Kirche zugleich. Jede volle Stunde tritt ein Geistlicher auf die Empore vor zwei Mikrofone und spricht nach einer Begrüßungsformel und dem Wunsch nach Frieden das Vaterunser. Danach kann man den Blick noch höher schweifen lassen, der dreischiffige Innenraum ist 31 Meter hoch, 153 Meter lang. Das frühgotische Gebäude entstand 1245 unter Heinrich III. und wurde bis ins 18. Jahrhundert vergrößert und verfeinert. Oft muß man auch nach untern auf den Steinfußboden schauen, denn überall befinden sich Grabplatten oder Denkmäler berühmter Leute. Faraday, Newton, Darwin, Händel, Dickens, Shakespeare – wichtig auch die Grabmale von Elisabeth I. und Maria Stuart. Man darf dann nur nicht zu lange verweilen und nicht vergessen, den Regenschirm von Miss Bedford zu suchen, den sie in dem Touristen-Gedränge als Erkennungszeichen hoch erhoben hält, sonst hört man die Erläuterungen plötzlich bei einer fremden Gruppe in einer anderen Sprache. Mit einer Grabplatte wird übrigens auch eines einzigen einfachen Mannes aus dem Volke gedacht – weil er weit über hundert Jahre alt wurde und in der blutrünstigen englischen Geschichte drei Könige überlebte.

In einer Nische steht der Krönungsthron aus Eichenholz aus dem Jahre 1300. Unter dem Sitz befindet sich ein Sandsteinblock, der sogenannte Schicksalsstein, der den Schotten heilig war, aber 1297 von Eduard I. nach siegreicher Schlacht gestohlen wurde. Bei einer Krönung wird der schwere Stuhl in eine konferenzartigen Teil der Kirche getragen, wo eine genaue Sitzordnung für die kirchlichen Würdenträger, den Adel, das Parlament und das diplomatische Korps besteht.

Nach diesem hastigen Exkurs in die Historie scheint es geradezu logisch, den Regenschirm von Miss Bedford zu folgen und sich direkt zur königlichen Residenz, dem Buckingham Palace, zu begeben, denn es ist gleich 11.30 Uhr. Wer das nun folgende Schauspiel nicht miterlebt hat, war nicht in London, heißt es. So stand ich in der großen Menschenmenge und sah von weitem die heranziehenden Reiter. In Hofpalast, wo sich der Wechsel der königlichen Wache vollzog, konnte ich auf die Entfernung die Zeremonie nur undeutlich verfolgen, war aber dabei. Man hat sich in England überhaupt viel einfallen lassen, um den Bestand der Monarchie kundzutun. So gibt es u. a. eine Wache am Tower, wo allabendlich nach Schließen der Tore die Schlüssel der Königin Elisabeth in Sicherheit gebracht werden.

Auf der dem Tower entgegenliegenden Seite der Stadt ragen einige Wolkenkratzer in den Himmel. Das sind die neuen Festungen des modernen England – Bank- und Versicherungsgesellschaften. Und das empfand ich als den befremdlichen Widerspruch Londons: Während mit all der Traditionspflege Glanz und Harmonie eines Königreiches präsentiert werden, weiß man doch, daß in den Betonklötzen unsichtbare, aber bekannte Hirne und Hände fieberhaft mit dem englischen Pfund wuchern, ohne die Königin zu informieren.




Werner Pfelling in Junge Welt vom 19.03.1982 (Zeitung der Freien Deutschen Jugend)

Training für sein Konzert auch mal auf Skiern


Zehn Konzerte, in denen er sich als vielseitiger Interpret vorstellte, gab der Sänger und Schauspieler Dean Reed, gemeinsam mit den "Evergreen Juniors", in der UdSSR-Hauptstadt. Dabei unterhielt sich mit ihm unser Moskauer Korrespondent Werner Pfelling.

Die Zehn Konzerte im Moskauer Estradentheater sind vorüber. Mit Zugaben dauerten sie jeweils zweieinhalb Stunden. Wie hast Du das durchgestanden?
Vor so einem emotional mitgehenden Publikum aufzutreten macht Spaß. Ich hatte mich fünf Wochen lang auf die Konzerte vorbereitet, mit Skifahren als Muskeltraining und mit Gesangsübungen, die ich zeitlich gesteigert habe. Ohne Ausbildung in Gesangstechnik legen sich solche Auftritte allerdings ziemlich auf die Stimmbänder.
Dafür konnte ich mich vielseitig zeigen, wie ich es gern möchte: Eine Mischung aus verschiedenen Titeln, vom Kampflied über das romantische Lled bis zum Rock'n'Roll, viel Bewegung, Aufforderung zum Mitsingen, mal ernst und mal heiter.

Du bist in der Sowjetunion seit langem sehr populär. Was hat dazu beigetragen?
Seit 1966 gebe ich alle drei Jahre Konzerte, außerdem sind fünf Langspielplatten mit mir erschienen.

1979 warst Du an der BAM, hast danach ein Lied geschrieben. Welche Eindrücke sind von dieser Reise geblieben?
Die Einsatz- und Opferbereitschaft der sowjetischen Jugend hat mich an der BAM sehr beeindruckt. Dort ist es zu vielen spontanen Auftritten von mir gekommen, egal, ob ich auf einer Station zehn oder 500 Zuhörer hatte, ich erhalte bei meinen Konzerten in der Sowjetunion sehr viel Beifall. Mit meiner Reise wollte ich aber den BAM-Erbauern meinen Beifall zollen für ihre heldenhafte Arbeit. Wie sie die Natur bezwingen und mit dem Eisenbahnbau den Sozialismus voranbringen - das ist eine große Bewährungsprobe, die die Gesellschaft der Jugend bietet.

Du bist 1979 Preisträger des Leninschen Komsomol geworden. Was bedeutet dir diese Auszeichnung?
Ich war der erste Ausländer und der erste Amerikaner, der damals diese Auszeichnung erhielt. Ich empfand das als große Ehre und als Verpflichtung, der ich mir bewußt bin. Deshalb würde ich gern beim XIX. Komsomolkongreß dabeisein.

Gab es Pläne oder Absprachen während deines jetzigen Moskauer Aufenthalts?
Ich hatte Begegnungen mit vielen Bekannten und Freunden, darunter Luis Corvalan und Vertretern des sowjetischen Friedenskomitees. Der Verlag "Molodaja Gwardija" will das in der DDR erschienene Dean-Reed-Buch herausbringen, mein Film "Sing, Cowboy, sing" wird zur Zeit synchronisiert. Das sowjetische Fernsehen schlug mir die Idee eines vierteiligen Spielfilms über mein Leben vor.
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