Werner Pfelling
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8. Kurzgeschichte
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"Der Obdachlose"



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"Der Obdachlose"

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Der Obdachlose

Sie wollen von mir wissen, was ich denke. Dumme Frage. Ich mache mir keine großen Gedanken. Diese Ecke im zerfallenen Bahnhofsgebäude mit Matratze und Schlafsack ist mein Zuhause. Hier muss ich überleben. Mein Kopf ist leer. Welche Gedanken soll ich mir schon machen?

Ob ich gute Erinnerungen an meine Kindheit habe? Das erzähle ich Ihnen, damit Sie nichts weiter fragen. Manchmal denke ich daran, wie ich ein kleiner Junge war, aber ich habe viele Gedächtnislücken. Diese oder jene Begebenheit ist ausgelöscht, sie kommt nicht zurück. Die Zusammenhänge fehlen. Ich weiß noch, wie mich meine Mutter nachts aus dem Tiefschlaf holte, und ich fing an zu schreien. Wir mussten in den Luftschutzbunker. Es war Krieg, und die Angloamerikaner bombardierten Leipzig. Am Tage waren die Straßen voller Qualm, weil eine Reifenfabrik getroffen wurde. Dann hatte ich plötzlich einen Vater, der von der Front auf Urlaub kam. Er schickte mich zum Bäcker, um ein altbackenes Brot zu kaufen. Aber die Verkäuferin gab mir ein frisches. Daraufhin verprügelte mich mein Vater heftig, weil es schneller aufgegessen ist.

Dann war plötzlich der Krieg vorbei, und meine Mutter machte mit mir einen Spaziergang, weil jetzt Frieden ist. US-Truppen waren in der Stadt, und die Amerikaner suchten mit Hilfe der Einwohner Nazis in den Wohngebieten. Sie nahmen Kindern Gürtel mit dem Hakenkreuz weg und fragten, ob sie eine Schwester haben. Dann waren die Russen in der Stadt. Einmal besuchte ein Soldat eine Frau in unserem Haus, er hatte ein Brot unterm Arm, ob es ein altbackenes war? Ich fand mich plötzlich im Kinderheim wieder. Hier konnte ich mit gleichaltrigen Kindern spielen und es gab zu essen. Eines Abends wurde ich zur Heimleitung gebracht. Man sagte mir unverblümt, dass meine Mutter gestorben ist.

Sie schrieb mir mal einen Brief, sie habe fünf Löcher in der Lunge, es war Tbc. Sie freute sich, dass unser Vater bald heimkehrt, aber er schmorte wohl in russischer Kriegsgefangenschaft, und ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Mich nahmen Pflegeeltern auf, die ich kannte, bei ihnen hatte ich schon gelebt, weil meine Mutter in einer Baumwollspinnerei arbeitete, vielleicht sogar Schicht. Als ich in die Pubertät kann, wollten sie mich wegen meines flegelhaften Benehmens in ein Kinderheim abschieben. Aber meine Lehrer waren dagegen, weil ich gute Zensuren hatte, nur manchmal den Unterricht störte. Aber ich bin nie kriminell geworden. Ich lebte dann bei einem älteren Ehepaar, es gab keine Schwierigkeiten.

Nun wollen Sie tatsächlich wissen, wie mein Leben in der DDR verlief. Ich wurde Setzer, habe viele Jahre in Nachtschichten in einer Zeitungsdruckerei gearbeitet und lernte meine Frau kennen. Sie arbeitete in einer Süßwarenfabrik. Bald kam unsere Tochter Heidi zur Welt. Es war eine schöne Zeit, sie heranwachsen zu sehen. Wir lebten in einer Zweizimmerwohnung mit Kachelofen, die Toilette war auf halber Treppe. Aber es gab ein kleines Bad mit Kohleofen. Manchmal fuhren wir in ein Gewerkschaftsheim an die Ostsee, das waren jedes Mal schöne Tage am Strand.

Wie ich obdachlos geworden bin? Die Frage musste kommen. Das war nach der Wiedervereinigung. Wir konnten in der DDR ein normales Leben führen, es gab auch Obst. Die berühmten Apfelplantagen in Werder mussten erst nach der Einheit abgeholzt werden. Unser Staat wurde vom Westen verteufelt, und die Bitterkeit darüber sitzt tief. Plötzlich war alles anders und die Freude über die Westmark bald verrauscht. Die Menschen änderten sich, viele Freundschaften zerbrachen.

Auch in meiner Ehe kriselte es. Ich empfand sie nicht mehr so glücklich wie früher. Vielleicht waren auch meine vielen Nachtschichten schuld, denn am Tage musste ich schlafen. Jedenfalls sagte meine Frau unerwartet, man hätte jetzt alle Freiheiten und sie möchte ein neues Leben beginnen. Ich verstand nicht, was sie meinte, aber ich erfuhr es bald. Sie hatte einen Wessi kennen gelernt, der sie mit nach drüben nahm, auch unsere Tochter. Es ging alles unfassbar schnell, und ich war plötzlich allein.

Ich begann zu trinken, ließ mich fallen, verfiel dem Alkohol. Danach verlor ich Arbeit und Wohnung. Schon war ich weg vom Fenster. Manchmal gehe ich ins Wohnheim, um mich zu duschen und zu rasieren, aber einziehen möchte ich nicht, sondern allein und ungezwungen leben. Mittags bin ich manchmal dort, wo es etwas Warmes zu essen gibt oder treffe mich mit zwei drei Obdachlosen. Wir trinken Bier und erinnern uns an Gerd, der jetzt in der Klapse ist. Er stand mit seinem Hund oft vor Lidl und hat die Zeitung " Der Straßenfeger" verkauft. Der Hund wurde überfahren, und das hat sein Herrchen nicht verkraftet. Abends geht jeder zu seiner Schlafstelle zurück.

Ob es für mich noch einmal einen Neuanfang gibt? Dazu bin ich zu alt und zu lange auf der Straße.

ENDE


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