Werner Pfelling
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1. Kurzgeschichte
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"Mal so, mal so -
Eine normale Ehegeschichte"


Ein Ehepaar liebt sich am Abend
und verkracht sich am Morgen.

6 A4 Seiten
26,4 kb

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"Mal so, mal so - Eine normale Ehegeschichte"

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Mal so, mal so - Eine normale Ehegeschichte

Andreas Schneider war ein mittelmäßiger Journalist, was er sich nicht gern eingestehen wollte. Er hatte ein festes Einkommen bei der Annoncenzeitung "Berliner Tagebuch", wobei seine Frau Marlies, Apothekerin, auch etwas zur monatlichen Haushaltsplanung beitrug. Mit ihnen lebte die 13jährige Sandra, Tochter aus erster Ehe von Marlies.

Matthias, ein Freund von Andreas, war ein anderes Kaliber, beschäftigt bei der auflagenstarken Boulevardzeitung "Blitz". Er wurde vom Chefredakteur bei ungewöhnlichen Ereignissen wie Kriminalität oder Katastrophen stets als Reporter, einzeln oder im Team, eingesetzt. Matthias sagte zu seinem Freund: "Bring uns die große Story, und ich bringe dich auf Seite 1 in unserem Massenblatt." Das schien aber nicht so einfach, denn dafür musste Andreas als Erster vor Ort sein oder einen guten Draht zu einflussreichen Personen und der Polizei haben. Dabei war er in seinem Job ausgelastet, er sollte über einen Berliner Stadtbezirk berichten, hier gab es immer lokale Neuigkeiten, die er aufschrieb: Welche Beschlüsse wurden im Rathaus gefasst, wo gibt es neue Baustellen, was wird aus der Katzenschwemme im Tierheim?

Das genügte Andreas nicht, er wollte eines Tages die große Story liefern, die im "Blitz" erscheint, während sein Blättchen nur einmal in der Woche im Briefkasten lag. Er wusste, welche Nachrichten die Leser der Boulevardpresse verschlingen: Geht meine Tochter in den Club, in dem eine Großrazzia der Polizei mit Spürhunden Drogen entdeckte? Ist bei den in der Nacht abgefackelten Autos meins dabei? Wohnt der betrunkene Mann, der seinen 10jährigen Sohn erstach, in unserem Haus?

Zunächst war er abends mit seinen Kumpels unterwegs und kam nach einer Zechtour, bei der er nur die Menge des getrunkenen Alkohols hätte aufschreiben können, spät nach Hause. Seine Frau Marlies wartete noch im Bett auf ihn, was Andreas angenehm war. Ja, er hatte eine Partnerin mit starkem Trieb, bei der er nicht um Sex betteln musste, und beide stellten sich so erfahren und jeweilige Wünsche erfüllend an, dass man denken könnte - so sieht eine auch im Bett glückliche Ehe aus, das stimmt von allen Seiten.

Am nächsten Morgen schien die Stimmung allerdings im Eimer. Marlies sagte, sie kommt diesen Monat mit dem Geld nicht aus, und da wären noch die ständigen Drängeleien ihrer Tochter Sandra wegen einer Brustvergrößerung. Andreas reagierte sauer: "Mit 13 Jahren?" Und er fügte hinzu: "Musstest du drei Paar Schuhe kaufen?" worauf sie erwiderte: Wozu brauchst du bei deinen wenigen Bartstoppeln einen neuen Rasierapparat?" So ging jeder schlecht gelaunt zur Arbeit, während Tochter Sandra im Bad noch über ihre zu kleinen Brüste strich und den jungfräulichen Körper pflegte.

Um den Hausfrieden wieder herzustellen, lud Andreas seine Frau in ein Restaurant ein. Man überhäufte sich beim Essen und Trinken mit Schmeicheleien: Gestern warst du stark im Bett, du hast mich richtig fertig gemacht. Die Erkenntnisse wurden am späten Abend gleich wieder umgesetzt. Beim Frühstück sah die Sache schon wieder anders aus. Sie meinte: "Du feierst mir zu viele Partys und versäufst dein Geld. Du machst dir ein angenehmes Leben."

Er redete sich damit heraus, dass sich sein Leben als Journalist und die viele Zeit, die er für Recherchen benötigt, nicht nach Stunden berechnen lässt. Marlies fuhr fort: " Und ich bin deine Hausfrau, die alles für dich erledigt, vom Kochen bis zum Wäschewaschen." Er antwortete mürrisch und seiner Meinung nach die Lage richtig beurteilend: "Wir führen eine gute Ehe."

Am Sonnabend besuche Andreas seine Ex-Frau Nicole und seinen 18jährigen Sohn Thomas. Er sollte den Rasen auf dem Wochenendgrundstück mähen, weil Thomas zu faul dazu war. Der Garten war ein großzügiges Scheidungsgeschenk, das Andreas schon bereut hatte, aber dafür war er damals die Ex losgeworden und wieder frei. Er fragte Thomas, der als Dachdecker ausgebildet wurde: "Na, schon Schwarzarbeit?", und er antwortete mit "Ja". Nicole wollte von Andreas wissen: "Wie kommst du mit deiner neuen Flamme zurecht?", und er meinte: " Geht so." Sie gab zu, sie hat oder will keinen neuen Mann, ist vielleicht besser wegen der Streitereien. Als Andreas wieder zu Hause war, fragte Marlies eifersüchtig, mit wem er eigentlich zusammenlebt, mir ihr oder mit ihr. Im Bett des Ehepaares war allerdings wieder völlige Harmonie, Gestöhne von beiden Seiten bis man erschöpft voneinander ließ.

Die Zerwürfnisse begannen wieder am Morgen. Im Grunde ging es jedes Mal um dasselbe Thema: Er nutzt sie aus, ist oft unterwegs und fühlt sich für die angenehmen Seiten des Lebens zuständig, während sie zu Hause hockt und auf Sandra aufpassen muss, damit sie nicht schwanger wird. Sie sagte: "Meine Tochter nervt mich, wann sie das Geld für die Brustvergrößerung bekommt, der Schönheitschirurg ist knapp mit Terminen, die junge Dame soll sich endlich festlegen, diesen Monat oder nächsten." Andreas antwortete nur: "Deine Tochter und du! Wer hat ihr nur den Floh mit den Silikonbrüsten ins Ohr gesetzt, wer reißt uns in die finanzielle Krise? Das Auto muss zur Durchsicht. Weißt du, was das kostet?"

Eines Abends sah Marlies aus dem Fenster und rief ihren Mann, der gerade auf der Toilette saß: " Sieh mal, auf der anderen Straßenseite brennt ein Wohnhaus." Andreas zog sich die Hose hoch und rannte mit Kugelschreiber, Notizblock und Fotoapparat los, um als Erster vor Ort zu sein. Aber die Feuerwehr war auch schon da und hatte die Flammen im Griff. Er interviewte einen aus seiner Wohnung unter dem Dachstuhl geflohenen Mieter, der ihm unter Hustenanfällen erzählte: "Ich konnte gerade noch meine EC-Karte schnappen, überall war Rauch." Der selbsternannte Reporter rief per Handy seinen Freund Matthias an, er hätte eine brandneue Story, der winkte aber ab: "So etwas passiert jeden Tag."

Am Wochenende besuchte Andreas die Ex-Schwiegermutter, sie bat ihn, eine alte Waschmaschine zum Schrottplatz zu fahren. Sie klagte: "Nicole findet keinen neuen Mann. Warum hast du sie damals verlassen? Meine Tochter ist eine liebe Frau, weißt du noch, wie du damals um ihre Hand angehalten hast?" Andreas meinte: "Sie ist hübsch, aber sie entsprach im Bett nicht meinen Erwartungen. Sie hatte oft Migräne und ließ mich zappeln. Auch habe ich mich mit Thomas nicht verstanden. Er hat mich in der Pubertät als Vater nicht mehr respektiert und mir einmal, als ich seine Schulaufgaben kontrollieren wollte, ins Gesicht gespuckt."

Als Andreas wieder in der Wohnung war, fragte seine erzürnte Frau: "Wann bist du am Wochenende mal zu Hause? Wir wollten die Küche renovieren. Meinen Eltern hilfst du auch nicht, obwohl sie nicht mehr gut zu Fuß sind." Das hielt sie nicht davon ab, sich am späten Abend im Bett ihrem Mann hinzugeben als wäre sie sexuell an ihn gekettet. Am nächsten Morgen sagte sie zu ihm: "Leider hattest du ein leichtes Spiel mit mir. Du musstest nicht um mich kämpfen. Du willigtest sofort in die Heirat ein, weil meine Eltern es so wollten und eine schöne Hochzeit arrangierten. Du hast nicht vor mir auf den Knien gelegen, dabei bin ich schon deine zweite Frau. Das hätte mich stutzig machen müssen." Der Ehemann reagierte sauer: "Was hier jeden Morgen für eine Stimmung ist, ich könnte schon wieder Schnaps saufen."

Als Andreas im Großraumbüro saß, um seine Stadtbezirksnachrichten in den Computer zu tippen, schaute er sich um. Ihm war längst aufgefallen, dass sich zwischen seinen Arbeitskollegen Manfred und Martha etwas zusammen schob. Sie saßen wenige Meter von ihm entfernt, sahen sich während der Arbeitszeit oft an und hielten Händchen, wenn sie zur Mittagspause in die Kantine gingen. Sieh an, dachte er, Liebe im Büro! Und wo waren seine Chancen? Er hatte festgestellt, dass Gertrude, eine knallige Rothaarige in der hinteren Ecke, ihn ab und zu scharf ansah. Er wollte sich noch nicht entscheiden, ob er bereit wäre, es mit ihr zu versuchen, und sei es nur zum einmaligen Fremdgehen, schließlich ist er mehr oder weniger glücklich verheiratet. Aber die Frau hatte schon ihre Reize. Plötzlich rief ihn sein Chef ins Büro: "Passen Sie mal auf Herrn Jäger und Frau Schönfeld auf. Hoffentlich schicken die sich nicht den ganzen Tag E-Mail von Computer zu Computer, sonst muss ich eine Entscheidung treffen."

Dann klingelte sein Handy. Marlies rief ihn an und riss ihn aus allen Träumen. Sie hat einen Autounfall gebaut, und er soll sofort an der Kreuzung soundso erscheinen. Nach fünfzehn Minuten war er schon vor Ort und knipste das Ereignis mit der Kamera. Obwohl Marlies es sich nicht eingestehen wollte und es vor den Augen der Polizei auch nicht zugeben musste, hatte sie einem alten Mann die Vorfahrt genommen. Es machte nun keinen Sinn zu schimpfen oder seinen Freund Matthias anzurufen, mit dem bisschen Blechschaden kam er nicht auf Seite 1 der Boulevardzeitung "Blitz". Aber 2000 Euro werden in der Werkstatt bestimmt fällig, wer bezahlt das, und was wird mit der nächsten Urlaubsreise in den Süden?

Als sich Andreas einmal allein mit Stieftochter Sandra in der Wohnung befand, fragte er sie: "Wozu brauchst du eine Silikonbrust? Deine Mutter verursachte neulich einen großen materiellen Schaden am Ford. Hat sie dich wenigstens sexuell aufgeklärt?" Mit beiden Händen griff er nach ihren Brustwarzen, weshalb sie empört in ihr Kinderzimmer lief und es verschloss.

Obwohl vor dem Schlafengehen des Ehepaares im Bett alles geklappt hatte, kam es beim Frühstück wieder zu Auseinandersetzungen. Andreas rügte, dass die Mahlzeiten in letzter Zeit eintönig und einfallslos geworden sind, er findet den Biofraß zum Kotzen, und er wiederholte das Wort Biofraß, damit es Marlies auch begriff. Sie war über dieses Urteil sehr erbost, soll er selbst bei Aldi oder Lidl einkaufen und sich an die Herdplatte stellen und dem Abwasch machen. Schon gingen beide wieder schlecht gelaunt zu ihrer Arbeitsstelle.

Eines Abends hielt sich Andreas im Kinderzimmer von Sandra auf und schnüffelte herum, die Mutter war noch beim Einkaufen. "Warum brauchst du mit 13 Jahren eine größere Brust?", und sie antwortete: "Das ist jetzt modern in unserer Klasse. Schlank sein und große Brüste." Er fuhr fort: "Bist du überhaupt noch unschuldig? Ich warne dich vor den Männern. Ein Baby kannst du nicht ernähren, du gehst noch zur Schule. Die Jungs wollen ihr Glied bei dir reinschieben, und du hast nur Schmerzen." Daraufhin verließ sie beleidigt die Wohnung. Am liebsten hätte sie zu ihm gesagt: "Du willst deinen Schwanz auch nur in Mamas Scheide stecken."

Im Großraumbüro nahm sich Andreas vor, das Kollegenpaar zu beobachten, ob er Meldung an seinen Chef machen musste. Vielleicht brachte ihm das Petzen eine Gehaltserhöhung ein. Aber Martha saß nicht am Computer, wahrscheinlich krank geschrieben. Deshalb konnte er in Ruhe seinen Artikel über ein neues Seniorenheim in den Computer tippen. Plötzlich erhielt er von der rothaarigen Gertrude eine E-Mail: "Wie geht es dir? Habe eine gewisse Sehnsucht." Das war eine deutliche Botschaft, die er absichtlich unbeantwortet ließ.

Zu Hause beschwerte sich Sandra bei ihrer Mutter: "Dein Mann hat meine Brüste betatscht. Auch hänselt er mich, wenn mein Freund David mal anruft und warnt mich vor Sex mit ihm. Dabei machen wir in der Klasse meistens nur Petting. Schlank sein und große Brüste sind in. Wann bekomme ich das Geld für die OP? Ich brauche dann keinen BH mehr. Habe diesen Monat zuviel für das Handy ausgegeben und 10 Euro Schulden." Die Mutter sagte: "Überlege dir das mit der OP noch einmal. Wir sind wegen des Autounfalls knapp bei Kasse. Hast du schon mit David geschlafen?" - "Nein. Er will warten." - " Wenn es später mal soweit ist, vergiss nicht das Kondom und die Pille. Wir gehen dann gemeinsam zum Frauenarzt."

Eines Abends wollte Marlies nach dem Abendbrot die Küche lüften und lief zum Fenster: "Guckt mal, da drüben steht ein Mann auf dem Dach. Es sieht aus, als will er springen." Sandra meinte: " Der hat bestimmt Probleme." Andreas rannte sofort los - war das die große Story? Auf der Straße hatte bisher niemand bemerkt, was oben passierte. Andreas stieg die Treppen hoch, blieb auf dem Dach in einiger Entfernung vor einem jungen Mann stehen und sprach ihn an: "Was machen Sie da? Kommen Sie zurück." Der antwortete nach einer Weile nur: "Lassen Sie mich in Ruhe." und starrte in die Tiefe. Auf der Straße versammelten sich inzwischen Passanten, um zu beobachten, was geschieht. Andreas informierte Polizei und Feuerwehr, die auch schnell erschienen. Eine Leiter wurde ausgefahren, die aber zu kurz war, um den offenbar verwirrten oder verzweifelten Menschen aus seiner Lage zu befreien.

Inzwischen rief Andreas seinen Freund Matthias an, der sich sofort auf den Weg zum Katastrophenort begab, bald in der Menge auftauchte und per Handy ständigen Kontakt hielt zu dem Augenzeugen, der am nächsten an den dramatischen Ereignissen dran war. Andreas wollte den jungen Mann wieder in ein Gespräch verwickeln: "Welche Probleme haben Sie denn? Es gibt immer eine positive Lösung. Treten Sie zurück, Sie können abstürzen."

Plötzlich kletterte eine Frau die Feuerwehrleiter hinauf, es fehlten etwa drei Meter, um sich auf gleicher Höhe mit dem Mann zu befinden. Das musste eine Psychologin sein, die fragte: "Benötigen Sie etwas? Sollen wir Ihnen Kaffee oder etwas zu essen an einer Stange rüber reichen? Es wird langsam dunkel, bedenken Sie das. Haben Sie Streit mit Ihrer Frau, Liebeskummer oder Schwierigkeiten auf der Arbeit? Wir helfen Ihnen." Die Psychologin sprach ständig auf ihn ein, um ihn zu beruhigen oder von seinem Vorhaben abzubringen. Aber der junge Mann antwortete nicht, sondern trat noch näher an die Kante des Daches. Plötzlich warf sie ihm eine Packung Zigaretten aufs Dach: "Fangen Sie auf." In dem Moment wurde er von drei Polizisten, die sich unbemerkt heran geschlichen hatten, überwältigt. Der Mann zeigte keinerlei Regung, aber das Spektakel war vorbei. Unten auf der Straße klatschten einige Passanten in die Hände, ein Lob für Polizei und Feuerwehr. Matthias fuhr inzwischen in die Redaktion, um den Bericht zu schreiben. Sein Handy ließ er ausgeschaltet, um nicht gestört zu werden.

Am nächsten Morgen las Andreas die Aufmachung auf Seite 1 vom "Blitz" mit der Schlagzeile: Labiler Mann vom Dach gerettet. Daneben stand ein Foto, das eine gefährliche Szene am Dachrand zeigte. Er rief sofort seinen Freund Matthias an, der wieder erreichbar war: "Warum steht mein Name nicht mit in der Zeitung?" Der Star-Reporter erwiderte: " Habe ich in der Eile vergessen." Andreas fuhr wütend ins Großraumbüro und schickte zur Beruhigung seines Seelenzustands eine E-Mail an die rothaarige Gertrude: "Bin heute Abend frei und verführbar."

ENDE


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