Werner Pfelling
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"Der Genussmensch"


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Leseprobe
Draußen schneit es, obwohl erst November ist. Ich starre aus dem vergitterten Fenster meiner Gefängniszelle auf den Hof und auf eine schäbige Mauer, kein Stückchen blauer Himmel ist zu sehen. Das muss man sich mal vorstellen, ich bin auf neun Quadratmeter eingesperrt, zu Hause ist meine Wohnung mit amerikanischer Küche fünfmal so groß. Die Staatsanwälte, Richter und Schöffen lassen mich zappeln, sitzen zu Hause bei ihren Ehefrauen oder gehen ins Bordell.

Ich besitze keine Reichtümer, habe Ansprüche an das Leben wie jeder Staatsbürger auch. Ich bin in vielerlei Hinsicht ein Genussmensch, das Essen muss zum Beispiel schmecken, ich kann anständig kochen. Den Fraß, den man mir hier vorsetzt, würde ein hungriger Hund nicht anrühren. Der Kaffee ist eine braune Tunke, als wäre sie soeben mit komplizierter Technik aus der Gefängniskloake in meine Tasse geleitet worden. Um den Gefangenen-Alltag zu bewältigen, muss ich meine Phantasie bemühen. Wenn ich ein Glas Leitungswasser trinke, stelle ich mir vor, es ist der teuerste Weißwein der Welt, damit ich die rostige Brühe ohne Schluckbeschwerden hinterkippen kann.

Der Gefängniswärter, der mich einmal pro Woche zum Duschen abholt, sieht mich an, als wäre ich ein Kinderschänder. Ich könnte ihm eine in die Fresse hauen, aber ich bin kein Schlägertyp, sondern ein gepflegter Gentleman. Richter Hasenfuß hätte mich auf Bewährung verknacken können, aber ihm missfielen meine guten Manieren, er wollte mir die Kehrseite der schönen Welt zeigen. Mein Verteidiger, dessen Namen ich nicht in den Mund nehmen will, der Mann mit dem ausdruckslosen Gesicht, machte während des Prozesses den Eindruck, als ginge es nicht darum, mich frei zu sprechen, sondern um Kinokarten zu entwerten. Ich befürchte, er wird bei der Berufungsverhandlung nichts erreichen, er sollte sich lieber als Kofferträger vor eine Hoteltür stellen. Wie lange muss ich hier noch schmoren, wie kann ich meinen Protest in die Welt schreien, damit er erhört wird und mir Gerechtigkeit widerfährt? Ich frage mich selbst: Wie ist das alles passiert?
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