Werner Pfelling
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"Aufzeichnungen eines Mauerkranken"


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Leseprobe
Wegen des Mauerbaus musste ich unbedingt mit Walter Ulbricht sprechen. Er wohnte im Himmel, in der sowjetischen Abteilung. Ich freute mich, wieder sein Leipziger Sächsisch zu hören. Er trug noch seinen Spitzbart, die Erinnerung an Stalingrad, wo er sich auf der anderen Seite der Front per Lautsprecher an die deutschen Soldaten gewandt hatte, damit sie sich ergeben. An seinen Satz, den er vor dem Mauerbau gesagt hatte, es werde keine Mauer errichtet, konnte er sich nicht mehr erinnern, wahrscheinlich Alzheimer. Er wollte ein ostdeutsches Wirtschaftswunder schaffen und den Westen überholen, das wäre ihm auch gelungen, wenn ihn Erich Honecker nicht entmachtet hätte. Er fragte mich, ob der Genosse noch lebe, und ich konnte ihn beruhigen. Er verabschiedete sich schnell, er müsse zur Sitzung des Politbüros und anschließend noch ausländische Staatsgäste empfangen. Ich war mir sicher - sogar Demenz.

Diese beiden Politiker waren mir während meines Lebenswegs nah und fern geblieben, und wer würde heute schon objektiv beurteilen, wo ihre Verdienste lagen. Mich wunderte nur, dass Genosse Ulbricht den Genossen Honecker bisher nicht im Himmel getroffen hatte, und ich mutmaßte, dass dieser in der saarländischen Abteilung angesiedelt ist. Als Gorbatschow-Gegner wurde ihm der Eintritt in den sowjetisch besetzten Teil des Himmels bestimmt verweigert.

Ich nahm mir vor, Erich Honecker um ein Gespräch zu bitten und setzte gleich selbst einen Termin für elf Uhr an. Der Wahrheit zuliebe musste ich mich in die Situation hineinversetzen, wie es denn zu solch einem Treffen kommen könnte. Es handelte sich schließlich um den Generalsekretär, der auch noch andere Funktionen zu bewältigen hatte. Im Westen ist das alles einfacher, weil Freiheit herrscht. Dort setzen sich Politiker aufs Podium, um zu den Menschen zu sprechen und lassen sich auch mal von einem Verrückten ein Messer in den Hals stechen und sind dann für den Rest ihres Lebens gelähmt. Ich bildete mir ein, dass dienstags und donnerstags eine öffentliche Sprechstunde im Staatsratsgebäude stattfand, für die man sich mit einem schriftlichen Antrag anmelden konnte. Es kamen Verbindungsmänner zu mir in die Wohnung, um den Gesprächsstoff abzustecken. Ich nannte die Mauer, die Stasi, die Wahlen und die Reisefreiheit. Ich erhielt telefonisch einen Termin und wurde von zwei Wachposten im genannten Gebäude in ein Zimmer geführt, ein Tisch, zwei Stühle und ein Porträt Erich Honeckers an der Wand.

Ich wagte mir nicht vorzustellen, dass er, als er mir die Hand gab, ein Doppelgänger ist, aber ich war bald davon überzeugt. Das Gespräch verlief steif und im Sande. Er sprach viel über den sozialistischen Wettbewerb, den Frieden in Europa und seine Wunschreise in die USA. Nach zwanzig Minuten war ich wieder draußen und so klug wie zuvor. Die Begleitpersonen, die mich die Treppe hinunter führten, fragten mich, wie das Gespräch verlaufen sei, ob ich zufrieden wäre, und ich antwortete, dass ich sehr zufrieden sei.
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