Werner Pfelling
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"Der Mann mit dem Tick"


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Leseprobe
Ich musste feststellen, dass mein Fall sogar internationale Dimensionen annahm. Ich war überrascht, als ich vom russischen Geheimdienst verhört wurde. Man sagte mir, es gäbe in Moskau viele Akten und Protokolle über mich. Ich solle mal erzählen, wann und wie oft ich die Sowjetunion besucht hätte, welche Orte und mit welchem Ziel. Ich fing an zu lachen und erklärte, dass ich niemals in diesem Land gewesen bin. Die Offiziere, die ein perfektes, aber nicht akzentfreies Deutsch sprachen, machten düstere Gesichter. Ich sagte, dass sie mich mit meinem Bruder Ralf verwechseln, ich heiße dagegen Rolf. Mein Bruder war wie ich in der DDR aufgewachsen und hatte in der Sowjetunion Atomwissenschaften studiert. Ich war schon kurz nach dem Mauerbau republikflüchtig geworden, und mein Bruder durfte keinerlei Kontakt zu mir, dem "Verräter", aufnehmen. Er war inzwischen an Herzversagen verstorben. Es tat mir Leid für die Russen, sie sagten, sie würden sofort mit Moskau telefonieren, ließen sich aber nicht mehr blicken.

Dann kamen die Amerikaner vom CIA, lässig, wie es ihre Art ist, Kaugummi kauend und mit einer Baseball-Mütze auf dem Kopf. Sie dachten wohl, die Angelegenheit in 24 Stunden zu erledigen, weil sie der weltweite Terrorismus mehr beschäftigen musste als meine "Spionagetätigkeit", nach der ich, als kleines Beispiel, erfahren wollte, wie viele Passagiere an einem Tag von Berlin nach Hamburg oder München fahren oder fliegen - alles lächerliche Dinge. Die Amerikaner schienen mir ziemlich arrogant nach dem Motto: Dich kriegen wir schon klein. Sie schlossen mich sofort an einen Lügendetektor an. Ich blieb cool, meine Antworten waren widersprüchlich und letztlich ohne konkrete Aussage.

Ich hatte mir nichts vorzuwerfen und folglich nichts Gescheites mitzuteilen. Vielleicht verstand ich manche Frage nicht oder mir fiel keine Antwort ein. Alles drehte sich ständig um meine Konspiration mit Terroristen, es fielen sogar Namen, die mir unbekannt waren. Schließlich hatten die Amis die Schnauze voll, riefen "Fuck you", verschwanden und wurden vielleicht zu wichtigeren Fällen gerufen.
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