Werner Pfelling
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8. Kurzgeschichte
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"Sophie zieht die Männer an"



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"Sophie zieht die Männer an"

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Sophie zieht die Männer an

Es war Sonnabend. In der Bar "Nachtgeflüster" drängten sich Männer und Frauen. Eine Dame stand im Mittelpunkt und wurde umschwärmt. Sie sagte: "Ich lasse mir am Abend nur zwei Drinks spendieren." Dann zeigte sie auf einen Mann und eine Stunde später auf einen anderen. Beide fühlten sich geschmeichelt und versuchten, die schöne Frau in Einzelgespräche zu verwickeln. Aber sie blieb kurz angebunden. Zu dem einen Mann sagte sie, nahe an seinem Ohr, um Vertraulichkeit anzudeuten: "Ich bin sonst nur dienstags hier", und zum anderen Mann sagte sie in der gleichen raffinierten Weise: "Ich bin nur donnerstags hier." Sie verschwand unerwartet schnell, und die beiden Männer freuten sich über die Verabredung für nächste Woche.

Wenn Sophie, so hieß die Frau, morgens aufstand, war sie meistens gut gelaunt. Ihr Mann hatte sie wegen einer zwanzig Jahre jüngeren Göre verlassen. Sie versuchte darüber hinweg zu kommen und lebte in der Mitte ihres Lebens allein. Sie duschte ausgiebig ihren schlanken Körper. Schminken musste sie sich nicht lange. Sie hatte brünette Haare, Kusslippen und ein schönes frauliches Gesicht. Wenn Sophie am Frühstückstisch saß und Dudelsender hörte, überlegte sie: Welsches Erinnerungsstück vernichtest du heute? Gemeint waren Geschenke ihres Mannes, der plötzlich aus ihren Leben verschwand und den sie seitdem verachtete: Kleidungsstücke, Fotos, Bilder, Vasen, Geschirr. Sie entschied sich für ein Paar Sandalen, in denen sie gern gelaufen war. Sie flogen in den Müll. Dann setzte sie ihr Lächeln auf, das ihr gut stand und ungekünstelt wirkte, verließ die Wohnung und fuhr zum Blumenladen, wo sie als Floristin beschäftigt war.

Wenn Lukas, so hieß der eine Mann, erwachte, schmiss er seine HiFi-Anlage mit Rock-Musik an und machte ein paar sportliche Übungen. Im Badezimmer hörte er ebenfalls diese Klänge und härtete sich mit heißem und kaltem Wasser ab. Er war von Natur aus immer guter Laune. Ihm fiel alles leicht. Das war schon in seiner Kindheit so. Selbst wenn er sich auf dem Spielplatz verletzte, fing er nicht an zu heulen. Das Lernen machte ihm sogar Spaß, weil ihm das Wissen zuflog, und er hatte immer gute Zensuren. Mit seinen blonden Haaren und blauen Augen kam er bei Mädchen und Frauen gut an. Am Frühstückstisch liebte er Toastbrot, verschiedene Sorten Marmelade und Orangensaft. Dann bewältigte er den Abwasch und ging vergnügt in die Firma, wo er den ganzen lieben Tag am Computer saß.

Uwe, so hieß der zweite Mann, war meistens schon um fünf Uhr wach. Um wieder einzuschlafen, holte er sich einen Schnaps aus dem Kühlschrank, aber das Mittel half selten. Ihn befielen trübe Gedanken, die Aufgaben, die der Tag bringen würde, erschienen ihm als Last. Er duschte sich heute nicht, besah im Spiegel seine herben Gesichtszüge und strich sich über das Kinn. Er prüfte seinen Körper mit Fettansatz auf der Waage und stellte fest, dass sich sein Gewicht nicht verändert hat. Ihm schien es plötzlich, als litt er mit fünfundvierzig Jahren an Haarausfall. Er benutzte viel Parfüm, um den Toilettengeruch zu minimieren. Uwe schaltete sämtliche Lampen in der Wohnung ein, um eine heilende Wirkung herzustellen. Er frühstückte lustlos und wollte sich nicht an seine Frau erinnern, die ihn verlassen hatte. Dann dachte er an seinen eintönigen bürokratischen Arbeitstag bei der Wohnungsverwaltung. Würde es ihm heute gelingen, Maßnahmen einzuleiten, um die Miete von säumigen Bewohnern einzutreiben, für die eine neue Waschmaschine oder ein Laptop wichtiger war als ihrer Zahlpflicht nachzukommen? Uwe ließ das Geschirr stehen und ging schlecht gelaunt ins Büro.

Die nächste Woche mit den Verabredungen rückte heran. Beide Männer dachten schon am Montagmorgen an die Frau aus der Bar. Lukas war sich bewusst, dass es nicht leicht sein würde, diese attraktive Person ins Bett zu ziehen. Zu ihr konnte er nicht einfach sagen: "Jetzt gehen wir zu mir." Wenn Uwe an die Frau dachte, hatte er beim Frühstück besseren Appetit. Er würde sie gern in ein Café einladen, vielleicht mag sie Schwarzwälder Kirschtorte oder große Eisbecher. Er ahnte, hier muss er vorsichtig vorgehen, um die Frau nicht zu verstimmen. Als der Dienstag und der Donnerstag gekommen waren, geschah etwas Unerwartetes. Beide Männer staunten nicht schlecht - die Frau, von der sie nicht einmal ihren Vornamen wussten, erschien nicht.

Sophie ging aus ihr selbst nicht erklärbaren Gründen am Freitag in die Bar "Nachtgeflüster", wohl wissend, dass die beiden Männer heute nicht auftauchen werden. So geschah es auch. Die Bar war nur mäßig gefüllt. Sie erregte bei den Männern, die immer auf der Lauer sind, nicht die gewohnte Aufmerksamkeit. Vielleicht war sie falsch angezogen, ließ zu wenig blicken. Sie wusste selbst nicht genau, was sie hier eigentlich wollte. Suchte sie einen Partner? Um Gottes Willen, das musste schon ein besonderer Typ sein. Sie dachte an die beiden Männer, mehr in negativer Hinsicht. Der jüngere kam ihr eingebildet vor, als würden sie bald ein Paar sein. Er palaverte viel über den Rhythmus der Großstadt und die vielen kulturellen Möglichkeiten, und da könnte man zu zweit mal hingehen. Sophie vermutete, dass er im Grunde einen One-Night-Stand wollte, und so etwas mochte sie schon gar nicht. Der andere ältere Mann schien Sophie etwas rätselhaft. Er hatte sie ständig angestarrt, als möchte er sie mit Haut und Haaren verschlingen oder wenigstens ihren Mund mit seinem Mund berühren. Sophie hatte den Eindruck, dass er seit langem vergeblich eine Freundin sucht. Viel zu viel Parfüm. Er sprach in stockenden, halben Sätzen. Vielleicht wollte er damit Eindruck schinden, als sei hinter seinen Worten etwas zu entschlüsseln. Sie befürchtete, wenn sie sich mit diesem Mann einlässt, wird sie ihn so schnell nicht wieder los. Möglich, dass er sogar rabiat und handgreiflich wird. Sophie verließ zeitig die Bar mit dem Gefühl der Missstimmung und Unzufriedenheit.

Lukas und Uwe entschieden unabhängig voneinander, dass sie ab sofort jeden Abend in der Bar "Nachtgeflüster" vorbei schauen werden, um die geheimnisvolle Schöne zu sehen. Beide waren hoch erfreut, weil sie am Sonntag erschien. Es wiederholte sich das Spiel mit den Drinks. Die Männer blieben galant und erinnerten sie nicht an die Verabredung. Sophie hatte fast ein schlechtes Gewissen. Ihr schienen die Männer diesmal sympathischer als beim ersten Mal, und sie nannte für jeden einen Tag, an dem sie wieder in der Bar sein wird.

Für Lukas war schon der nächste Tag, der Montag, vorgesehen, und er freute sich, dass er nicht "verarscht" wurde, wie er das nannte. Er stellte sich mit Vornamen vor und erfuhr, dass die Dame Sophie heißt. Er deutete an, dass er eine feste Beziehung wünscht. Sophie meinte: "Ich bin Single und kann mich schwer entscheiden. Sind Sie nicht ein bisschen zu jung für mich?" Er antwortete: "Fünfundzwanzig. Das ist heutzutage kein Problem. Darf ich Sie in eine andere Bar einladen?" Aber Sophie erwiderte: "Wir sollten es nicht übereilen und uns nur langsam näher kommen. Bis Montag." Als Lukas die Bar verlassen hatte, rief er sofort eine seiner zwei drei Frauen an, die für ihn immer erreichbar waren und bei denen er, angemeldet oder nicht, mit einer Flasche Sekt noch zu später Stunde erscheinen durfte.

Beim nächsten Treffen, am Mittwoch, war Uwe schon eine Stunde vor Sophie da, um sie nicht zu verpassen, aber auch aus Angst, sie würde nicht erscheinen. Sie kam. Sie zeigte sich heute gesprächiger, und auch Uwe bildete ganze Sätze. Er nannte seinen Vornamen und kam auch bald mit seinem Anliegen heraus, einen Partner fürs Leben zu finden. Sophie, die ihren Vornamen ebenfalls verraten hatte, zeigt sich zunächst nicht abgeneigt, sprach aber von den Schwierigkeiten, den idealen Mann zu finden. Uwe meinte: "Gibt es den überhaupt?", aber Sophie ging nicht auf diese Frage ein. Er gestand ihr, dass ihn seine Frau verlassen hat. Sie fand das amüsant, denn bei ihr war es ähnlich, nur umgekehrt, aber sie behielt es für sich. Man sprach über Kinder, und jeder gab zu, dass er Kinder groß ziehen möchte. Uwe sagte, dass er Sophie gern in eine Café einladen möchte, aber sie lehnte ab, das sei noch zu früh: "Später einmal." Beide verabschiedeten sich für den nächsten Mittwoch.

Beim morgendlichen Duschen dachte Lukas an Sophie. Hatte sie ihm den Kopf verdreht? Was könnte er nur anstellen, um mit ihr allein zu sein? Er spürte den Widerstand der schönen Frau. Wie lange würde seine Geduld reichen? Er war nicht auf Sophie angewiesen, aber es war für ihn das Gebot eines Jägers, Sophie wie ein Stück Wild zu erlegen. An eine feste Partnerschaft glaubte er letztlich nicht, wozu auch. Schließlich wollte er sein junges Leben genießen.

Bei Uwe war der Gedankengang am Morgen, als er wieder duschte, ein anderer, und seine düstere Gemütslage hellte sich etwas auf. Er wünschte sich Sophie als festen Partner, als Lebensgefährtin, später als Ehefrau. Er rechnete sich gewisse Chancen aus. Sophie war Single wie er. Warum sollte man es zu zweit nicht versuchen, beide waren kinderlos und offenbar kinderlieb. Zeigte sich Sophie ihm gegenüber nicht von ihrer freundlichen Seite und hatte sein Ohr berührt, als sie den Tag der Verabredung nannte? Er wollte sie noch einmal in ein Café einladen und herausfinden, ob sie Schwarzwälder Kirschtorte oder große Eisbecher mag.

Als Sophie am Morgen beim Frühstück ihren Dudelsender einschaltete, sie hatte die Popsongs schon tausendmal gehört, dachte sie an Lukas und Uwe. Sicher würde sie den Älteren vorziehen, wenn es zu einer Beziehung käme. Aber wollte sie das überhaupt? Sich nach einer großen Enttäuschung wieder an einen Mann binden? Sicher auf Dauer würde ihr Leben langweilig sein, mit Freundinnen war sie nicht gerade bestückt, ihr Ex-Mann beanspruchte sie am Morgen, am Abend und an den Wochenenden für sich allein. Auch ihr Kinderwunsch würde sich so nicht erfüllen. Manchmal stellte sie sich einen Mann vor, der viel zärtlicher ist als ihr Ex es war und sogar über Humor verfügt. Sie dachte an lustige Kissenschlachten im Bett. Aber Lukas schien ihr oberflächlich zu sein, und Uwe wirkte trübsinnig. Sophie beschloss, die Bar "Nachtgeflüster" nicht mehr zu betreten, einen anderen Ort zu wählen, von solchen Vergnügungsstätten gab es in der Großstadt genügend. Dort begann das Spiel von vorn. Sie wurde von Männern umschwärmt, die ihr reihenweise Cocktails anboten. Sophie flüchtete aus der Bar. Wieder zu Hause, kam Sophie auf die Idee, es im Internet zu versuchen, beim Chatten einen Mann zu finden. Aber ob Sophie den Mut und die Energie aufbringen würde, sich mit einem fremden Menschen zu treffen, von dem sie zunächst nur ein E-Mail-Foto in der Hand hielt?

ENDE


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